Theory meets practice

Überblick


Im Rahmen der aktuell intensiv geführten Debatte zum Klimawandel, der Arbeitsplatzsicherheit sowie zunehmender Korruptionsvorfälle in deutschen Unternehmen , wird hierzulande zunehmend die politische Rolle deutscher Schlüsselindustrien diskutiert. Insbesondere Automobilhersteller, nicht nur "des Deutschen liebstes Kind", sondern zugleich auch Wachstumsmotor und Stütze der deutschen Wirtschaft, geraten in der öffentlichen Debatte zunehmend unter Druck. Nicht zuletzt kritische zivilgesellschaftliche Organisationen sowie eine immer besser informierte Öffentlichkeit fordern von deutschen Großunternehmen die aktive Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung im Kerngeschäft (neudeutsch Corporate Social Responsibility).

Folgende Diskussionspunkte und Fragestellungen werden diskutiert:
  • Was bedeutet freiwillige gesellschaftliche Verantwortung für deutsche Unternehmen vor dem Hintergrund einer hohen gesetzlichen Regelungsdichte in Deutschland?
  • Was kann legitimerweise von Unternehmen erwartet werden? Welche Rolle kann und soll der Staat übernehmen? Wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen Staat, Privatwirtschaft und Gesellschaft?
  • Welche Schwerpunkte im Bereich Menschenrechts-, Arbeitnehmer-, und Umweltschutz sowie Korruptionsbekämpfung haben deutsche Automobilunternehmen gesetzt? Welche Wirkungen wurden bisher erzielt?
    • u.a. bei der Einhaltung von Arbeitnehmerrechten (z.B. Vereinigungsfreiheit in der globalen Wertschöpfungskette)
    • u.a. bei der Reduktion von CO2-Emmissionen von Automobilen, flottenübergreifend (z.B. Diskussion um unterschiedliche Zielwerte 80, 120, 140 g/km)
    • u.a. bei der Korruptionsbekämpfung im In- und besonders im Ausland, bei der Projektakquise und bei der Ausgestaltung von Zulieferverträgen
  • Wie kann sich die deutsche Automobilindustrie durch zukunftsweisende innovative, nachhaltige Entwicklungen gegenüber der globalen Konkurrenz behaupten und langfristig durchsetzen?
1. Die Tankstelle der Zukunft
2. Gesellschaftliche Erwartungen an Unternehmen
3. Unternehmen und Selbstverpflichtung
4. Treibstoff der Zukunft
5. Unternehmen als politische Akteure
6. Ziele und Zusammensetzung der Ringvorlesung

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1. Die Tankstelle der Zukunft


Eine durchschnittliche Tankstelle im Jahre 2030 müsste, würde man alle Forderungen und Visionen von heute an einem Ort zusammenbringen, ein Sammelsurium an Zapfsäulen bieten, die jede eine andere Art von Energieträgern bereit stellt. Von gutem alten (aber teurem) Super bleifrei über Erdgas, Biodiesel, Ethanol, Wasserstoff bis hin zu zwei schlichten Steckdosen, eine mit Atomstrom und eine mit Ökostrom.
Wie realistisch sind solche Tankstellen und mit welchen weiteren Anforderungen sieht sich die Automobilindustrie in Zukunft konfrontiert? Neben ökologischen steigen auch soziale Anforderungen an Autohersteller. Die "gesellschaftliche Verantwortung" von Großunternehmen umfasst neben all diesen Facetten andere Teilbereiche wie Korruptionsbekämpfung, die Befriedigung der Bedürfnisse der eigenen Mitarbeiter und die Wahrnehmung der Unternehmen als politische Akteure bei der Lösung internationaler Konflikte in einer zunehmend vernetzten Welt. Die Automobilindustrie nimmt in Deutschland als Schlüsselindustrie eine Sonderrolle ein. Sie dient als einflussreicher und mächtiger Akteur nicht nur als Zielscheibe, sondern sie übernimmt in punkto "Nachhaltigkeit" auch eine Vorbildfunktion für andere Unternehmen national wie international.

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2. Gesellschaftliche Erwartungen an Unternehmen


Das Thema gesellschaftliche Verantwortung wird nicht nur im universitären Elfenbeinturm kontrovers diskutiert. Unternehmen geraten für sozial fragwürdige Praktiken oder auch im Zuge der Debatte zum Klimawandel immer wieder in die öffentliche Kritik. Zur ökonomischen Anforderung sich auf dem Markt zu behaupten und Gewinne zu erzielen, gesellt sich zunehmend eine von allen Teilen der Gesellschaft gestellte Forderung an Unternehmen, nachhaltig zu wirtschaften. Nach dem so genannten "triple-bottom-line"-Verständnis sollen sie also gleichzeitig nach ökonomischen, sozialen und ökologischen Maßstäben handeln. Dieser Druck entsteht über die steigenden Erwartungen von verschiedenen "stakeholder"; also von allen vom Unternehmen betroffenen Gruppen der Gesellschaft, inklusive Aktionäre, Mitarbeiter, Kunden, NGOs und dem Staat.

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3. Unternehmen und Selbstverpflichtung


Trotz Selbstverpflichtungen der Industrie wird Unternehmen bisweilen Zurückhaltung bei der Übernahme von sozial und ökologischer Verantwortung, wenn nicht sogar Untätigkeit, vorgeworfen. In letzter Zeit rückte insbesondere die Forderung nach der Minderung von Treibhausgasemissionen in den Vordergrund. Es dominiert der Eindruck, Unternehmen handeln nicht pro aktiv, sondern machen nur so viel wie nötig, Spuren von Sozialunternehmertum werden auf Management-Ebene häufig im Keim erstickt. Andererseits bemühen sich einige Unternehmen verstärkt, Ideen zur Verbrauchsreduzierung, der Optimierung des Materialverbrauchs und der Energienutzung in Produktionsprozessen, zu realisieren. Auch bezüglich sozialer Anforderungen und Programmen für die Mitarbeiter werden immer mehr Unternehmen aktiv, was unter anderem Lieferkettenmanagementsysteme und Anti-Diskriminierungsbemühungen belegen.

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4. Treibstoff der Zukunft


Die Debatte zur Unternehmensversantwortung wurde in den letzten Monaten besonders von der Frage nach der "Antriebstechnologie der Zukunft" bestimmt. Was bietet, wie genutzt und hergestellt, am meisten Vorteile für die Umwelt und gewährleistet gleichzeitig Fahrkomfort, Mobilität und Sicherheit für den Kunden? Erst kürzlich wurde von vielen Seiten eine Wiederbelebung der Idee einer Massenproduktion von Elektroautos als nächster großen Wurf eingebracht. Nachdem in den letzten Jahren vor allem die Hybrid-Antriebstechnologie und organisch hergestellte Kraftstoffe (etwa Ethanol oder Bio-Gas) stark beworben wurden, stellen sie heute nur noch eine von vielen Lösungen dar. Besonders die biologisch hergestellten Treibstoffe sind aufgrund ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen stark in die Kritik geraten. Kann es ein Unternehmen verantworten, dass für den Treibstoff ihrer Autos landwirtschaftliche Fläche genutzt wird, die in ärmeren Ländern eigentlich zur Nahrungsmittelherstellung dient und bereits heute zu teureren Lebensmittelpreisen führt? Außerdem werden der Einsatz der Brennstoffzelle (Wasserstoffantrieb) für weite Strecken oder die Nutzung von Elektroautos für den Stadtverkehr als mögliche Lösungsformeln der Zukunft präsentiert und kontrovers diskutiert.

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5. Unternehmen als politische Akteure


Zusätzlich sind Unternehmen in ihrer zunehmend starken Rolle als politische Akteure gefragt. Wie viel Verantwortung können sie übernehmen, was soll der Staat leisten, was kann er den Unternehmen abverlangen? Die Unternehmen versuchen sich vor staatlicher Regulierung auf nationaler und internationaler Ebene zu schützen und gehen vermehrt freiwillige Verpflichtungen ein. Ein Beispiel ist der Global Compact der Vereinten Nationen, der 1999 durch den damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, angeregt wurde. Im Rahmen dieser freiwillige Initiative, die auf einem Katalog von zehn international anerkannten Prinzipien beruht, soll Unternehmen über Dialog- und Lernprozesse die Möglichkeit geboten werden, selbst einen Beitrag zur Umsetzung international geltenden Werte und Standards zu leisten. Durch die Mitarbeit in freiwilligen Initiativen dieser Art können Unternehmen den Ansprüchen externer Anspruchsgruppen begegnen und die eingeschränkte Handlungsfähigkeit staatlicher Regierungen außerhalb ihrer nationalen Einflussgrenzen kompensieren.

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6. Ziele und Zusammensetzung der Ringvorlesung


Im Rahmen der Ringvorlesung "Automobile und Nachhaltigkeit" haben zwischen dem 13.10. und 24.11.2008 Vertreter der Automobil- und Zulieferindustrie ihr Engagement bezüglich Gesellschaft, Politik, Anti-Korruption, ihrer Belegschaft und Umweltfragen vorgestellt. Im Anschluss an die Vorträge standen die Unternehmensvertreter Rede und Antwort, um den Zuhörern die Gelegenheit zu bieten, über das vorgestellte Engagement zu diskutieren. Die Veranstaltungsreihe schloss mit einer Podiumsdiskussion unter Beteiligung eines Vertreters des Verbands der deutschen Automobilindustrie, sowie einem Vertreter von Greenpeace ab, bei dem über die zukünftige gesellschaftliche Rolle von Unternehmen debattiert wurde. Als interdisziplinäre Veranstaltung mit aktuellem gesellschaftspolitischem Bezug richtete sich die Ringvorlesung nicht nur an Studierende, sondern auch an die interessierte Öffentlichkeit in Darmstadt. Das elc (E-Learing Center) der TU Darmstadt hat die Vorträge aufgezeichnet und stellt sie im Internet zur Verfügung, um die Vorträge zeit- und ortsunabhängig einem größerem Publikum zugänglich zu machen.
Sie finden die Aufzeichnungen -> hier!

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